Dr. Corinna Höper, Kuratorin

Frau Höper_Foto (Tiepolo)
Giovanni Battista Tiepolo, Zwei stehende Männer, um 1718/20, Feder in Braun, 28 x 18 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, erworben aus der Sammlung Bossi-Beyerlen 1882

 

Die Arbeit in der Graphischen Sammlung mit ihrem Schatz von rund 400.000 Kunstwerken kommt zuweilen der des Sisyphus gleich, lässt sich aber gleichwohl mit dem nicht übersetzbaren Begriff »serendipity« umschreiben: Er bezeichnet die Gabe oder die Fähigkeit, Fremdes zu erkunden, sich anderen Denkweisen zu öffnen und somit auf etwas Neues, Bedeutsames oder gar Merkwürdiges zu stoßen. Der Forschergeist wird täglich neu geweckt und in der ständigen Auseinandersetzung mit den Kernaufgaben des Museums – Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln – präsentieren wir dem Publikum wie der Fachwelt unsere »Liebe zur Wissenschaft«, speziell zu dem fragilen Medium Papier, in vielfältiger Weise in Ausstellungen und Publikationen.

Mein Name ist Corinna Höper und ich bin seit 1992 an der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie. Ich betreue das Ressort „Italienische und französische Zeichnungen und Druckgraphiken vor 1800“ sowie seit 2007 auch die „Kunst International 1900 bis 1980“. Im Laufe der Jahre habe ich rund 20 Ausstellungen aus dem Bestand der Sammlung gemacht, darunter zu Tiepolo, Piranesi, Raffael, Mantegna, Fleischmann, Beckmann, Baumeister, Kollwitz, Munch und naturgemäß werden weitere folgen.

Immer wieder ist für mich gerade die Arbeit mit Zeichnungen aufregend: Mit ihnen ist man den Künstlern so nah wie nie, da der Werdegang von der ersten Idee im Kopf über die zeichnende Hand und das Ergebnis auf dem Papier unmittelbar nachzuvollziehen ist. Dabei kann auch Alte Kunst durchaus modern sein, wie etwa eine meiner Lieblingszeichnungen, die Studie zu „Zwei stehenden Männern“ von Giambattista Tiepolo, entstanden um 1718/20, zeigt: Spontan gezeichnet, mit gekritzelten Federproben und – betrachtet man die Gewandpartien allein – schon fast abstrakt!

Im Moment können Sie eine Auswahl hochwertiger Graphiken der Staatsgalerie in der Ausstellung »Poesie der Farbe« bewundern.

Dr. Corinna Höper, Zeichnungen und Druckgraphik: Italien und Frankreich vor 1800, Kunst 1900 – 1980

Dr. Elke Allgaier, Leitung Wissenschaftliche Dokumentation

Mein Name ist Elke Allgaier und ich leite die Wissenschaftliche Dokumentation in der Staatsgalerie Stuttgart. Es war schon immer mein Traum, mich beruflich mit Kunst beschäftigen zu dürfen. Also studierte ich Kunstgeschichte und kehrte nach ersten Berufsetappen im Ausland in meine süddeutsche Heimatregion zurück – seit 2007 arbeite ich nun in der Staatsgalerie Stuttgart.

Derzeit koordiniere ich ein größeres Projekt: Die Generalinventur unserer Sammlungen. Hierzu erfassen Museologen mit Sorgfalt, Präzision und Ausdauer die Sammlungsbestände für die wissenschaftliche Auswertung in einer zentralen Datenbank.

Der alltägliche unmittelbare Umgang mit den Originalwerken ist absolut faszinierend. Uns ist bewusst, dass es ein Privileg ist, in einer großen Erschließungskampagne das gesamte Sammlungsspektrum der Staatsgalerie zu sichten – Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Zeichnungen, Plakate, Videos, Filme,
Tonträger bis hin zu verschiedensten Archivalien wie Briefe oder Tagebücher.

Besonders spannend wird es, wenn wir in den Depots auf Überraschungen treffen, z.B. unerforschte Dokumente, unbekannte Zeichnungen, nicht erschlossene Konvolute. Wie Detektive lösen wir dann – mit einem Blick auf den kunsthistorischen Kontext – auch Rätsel um die Autorschaft der Kunstwerke.

Neben der Erschließung der Sammlungsbestände beschäftigen uns die grundlegenden theoretischen Fragen der Sammlungsdokumentation: wie werden Daten strukturiert abgelegt? Welche Metadaten sind für die Zukunft wichtig? Hierzu entwickeln wir Leitfäden, um z.B. Volontären, Praktikanten und temporären Mitarbeitern einen zügigen Einstieg in das Sammlungsmanagement zu erleichtern.

Screenshot_Online_Katalog
Einst bezeichnete ein Direktor der Staatsgalerie unsere Grundlagenarbeit als „Rückgrat der Museumsarbeit“. Diese ist in der Tat die Basis für das wissenschaftliche Arbeiten und wirkt sich auch auf die Publikation im Online-Katalog der Staatsgalerie aus. Schauen Sie vorbei und stöbern Sie durch mehr als 700 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte!

Die Graphikrestaurierung

WerkstattfotoDie Kernaufgaben des Teams der Graphikrestaurierung sind der Erhalt der Graphischen Sammlung und der Kunstarchive nach restaurierungsethischen Richtlinien und die Mitarbeit an Ausstellungen und Forschung.

Die Materialvielfalt unserer Restaurierungsobjekte umfasst verschiedene Arten der Druckgraphik, Zeichnungen, Aquarelle, illustrierte Bücher, unterschiedlichste Archivalien, Fotografien, Plakate, digitale Printmedien, Pastelle auf Papier und Pergament, Großformate, Transparentpapiere und Collagen. Die vielfältigen Materialien und Techniken erfordern unterschiedliche Maßnahmen und Methoden. Neue kunsttechnologische Erkenntnisse und modernere ethische Vorstellungen beim Umgang mit Kulturgut führen zu einem steten Fortschreiten und Wandeln der Ansprüche an den Erhalt von Kunst. Um diesen gerecht zu werden ist andauernde Forschung in der Graphikrestaurierung und die Weiter- und Neuentwicklung von Behandlungsmethoden notwendig. Unsere Tätigkeit hat sich deshalb in den letzten drei Jahrzehnten vom bloßen „Handwerk“ zu einem akademischen Beruf mit fünfjährigem Masterstudiengang gewandelt.

Einer der Schwerpunkte liegt in der restauratorischen Vorbereitung von Objekten für hausinterne Ausstellungen und Ausleihungen an andere, nationale und internationale Museen. Dies beinhaltet neben dem Erhalt von Kunst auch die objektschonende und ästhetische Präsentation der Werke. Die Papierarbeiten müssen dazu aufwendig montiert, passepartouriert und gerahmt werden. Die speziellen Bedürfnisse eines jeden Objekts werden dabei berücksichtigt. Aufgrund der hohen Licht- und Klimasensibilität der Materialien können Werke auf Papier nicht dauerhaft ausgestellt werden und müssen nach einigen Wochen der Präsentation durch andere Blätter ersetzt werden. Hier beginnt der umfangreiche Prozess der Vor- und Nachbereitung von neuem. Wir begleiten den Vorgang einer jeden Ausstellung und Leihgabe von der Beurteilung der Ausstellungsfähigkeit der Objekte bis zur Rückführung ins Depot. Das kann sich je nach Umfang des Projekts über mehrere Jahre hinziehen.

Natürlich sind wir auch für den Langzeiterhalt der Objekte zuständig.
Dabei spielt die Präventive Konservierung eine maßgebliche Rolle. Sie dient dem Schutz der hauseigenen Kunst, aber auch dem der Leihgaben von anderen Museen, die für Ausstellungszwecke in die Staatsgalerie geholt werden. Wichtige Punkte sind dabei: adäquate Aufbewahrung und Verpackung, ein stabiles Klima, wenig Licht, Schädlingsprävention und –bekämpfung, Notfallplanung und –übung und die Dokumentation des Objektzustands, sowie der durchgeführten Restaurierungen.

Dies erfordert grundsätzlich das parallele Arbeiten an diversen Prozessen. Jährlich durchlaufen diese mehrere hundert Papierwerke. Trotz der Masse gilt es, jedem Kunstobjekt gerecht zu werden und ihm die nötige Aufmerksamkeit und Sorgfalt zukommen zu lassen.

Neben all diesen Tätigkeiten stehen wir Kuratoren, Besuchern, Forschern, Künstlern, Fachkollegen und Restaurierungs-Studenten gerne beratend zur Seite. Dazu zählt zum Beispiel auch die restauratorische Ankaufsprüfung von Neuerwerbungen der Staatsgalerie. Unsere Arbeit ist vielseitig und lebt neben Fachwissen, Geduld und Fingerspitzengefühl auch von regem Austausch, Improvisation und Flexibilität.

Heute spricht: Pia Littmann, wissenschaftliche Volontärin

SONY DSCMein Name ist Pia Littmann und ich arbeite seit März 2015 als wissenschaftliche Volontärin an der Staatsgalerie Stuttgart. Nach meiner Dissertation über farbig und nicht farbig konzipierte Formen der Körper- und Raumbildung in der Druckgraphik um 1500 habe ich es aktuell mit Francis Bacon zu tun. Das ist ein großer Sprung, der aber viel Gutes hat: Der zeitliche Abstand ermöglicht einen neuen Blickwinkel auf die alte Kunst und erlaubt es andererseits, moderne Bildprobleme in ihrer historischen Dimension besser zu verorten.

Bacons Gemälde werden nächstes Jahr nach rund 30 Jahren erstmals wieder in Stuttgart gezeigt. Wie damals handelt es sich auch jetzt um ein kooperatives Ausstellungsprojekt mit der Tate Gallery bzw. heute dem „Ableger“ Tate Liverpool. Was Bacon gemalt hat, das hat er immer wieder betont, sollte so direkt wie möglich wirken – von der Leinwand zack aufs Nervensystem! In der Ausstellung, an der ich als kuratorische Assistentin mitwirke, konzentrieren wir uns mit den „Unsichtbaren Räumen“ auf seine speziellen, über rund vier Jahrzehnte immer wieder aufgegriffenen und variierten Verfahren der Bildorganisation, die Bacon einsetzte, um seinem nicht gerade geringen Anspruch Genüge zu tun. Das Ergebnis ist tatsächlich oft nichts für schwache Nerven …

Deshalb ist es gar nicht schlecht, zwischendurch mal etwas ganz anderes zu tun. Denn im Museum fährt man mehrgleisig. So gibt es Phasen, in denen mich weniger kunsthistorische Fragen beschäftigen als solche, die die Institution Museum betreffen. Kurz vor unserem Symposium zur Gegenwart und Zukunft des Kunstmuseums Ende November kreisen diese auch um die ganz großen Fragen: Wer sind wir heute, wer wollen wir morgen sein? Ich hoffe auf interessante Diskussionen!

Daneben geben wir Führungen, organisieren „Bildertage“ und sind erste Anlaufstelle für Anfragen aller Art von Besuchern, Studenten oder Wissenschaftlern. Aber im Hintergrund schwingt immer Bacon mit: Klingelingeling, Liverpool is calling! Mit schlechten Nachrichten: Bild xy kann nicht mehr reisen, auf dieses Gemälde müssen wir in der Ausstellung leider verzichten. Jetzt heißt es, Alternativen zu finden – Frau Littmann recherchieren Sie mal …

Dr. Anja Heuß, Provenienzforscherin

_DS27409_s2009 stellte die Staatsgalerie Stuttgart zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Provenienzforscherin ein. Das bin ich! Häufig werde ich gefragt, was eine Provenienzforscherin tut. Zunächst einmal: eine Provenienzforscherin untersucht nicht die Echtheit eines Gemäldes. Oder nur sehr selten. Provenienz bedeutet ja die Herkunft eines Gemäldes. Als Provenienzforscherin prüfe ich, ob sich im Sammlungsbestand Kunstwerke befinden, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt oder entzogen wurden. Solche Kunstwerke können ursprünglich aus Sammlungen stammen, deren Eigentümer wegen ihrer jüdischen Herkunft, ihrer politischen Einstellung oder wegen ihrer Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge verfolgt wurden. Von allen drei Gruppen hängen Kunstwerke in unserer ständigen Ausstellung. Sofern sich ein Verdacht auf Raubkunst bestätigt, suche ich auch nach den Erben und stelle den Kontakt her.

Mein beeindruckendstes Erlebnis: Die Begegnung mit einer Dame aus den Niederlanden, deren Eltern und Großmutter deportiert und in Ausschwitz ermordet worden waren. Die Tochter, Vollwaise, hatte sich in den besetzten Niederlanden verstecken können … und begegnete mir ohne spürbare Vorbehalte. 2011 wurde ein Gemälde von Lovis Corinth von der Staatsgalerie an sie restituiert. Sie behielt es bis kurz vor ihrem Tod.

Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich meinen Aufgabenbereich selbständig gestalten und erweitern kann. So werden auch Neuerwerbungen von mir vorab überprüft. Besonders interessant ist aber die eigentliche Forschung in den Akten und am Objekt selbst. Dann erfahre ich spannende Geschichten, die ich auch im Museumsbetrieb zeigen kann, z.B. durch den neuen Audio-Guide Provenienzforschung. So wird meine Arbeit hinter den Kulissen erst sichtbar.

Steffen Egle, Leiter der Kunstvermittlung

Steffen_Egle_Foto_Staatsgalerie_Stuttgart_3_klVor noch nicht allzu langer Zeit hieß es: Die Pädagogik fängt da an, wo die Kunst aufhört. Das waren Zeiten, in denen die Museen sich darauf verlassen konnten (oder wollten), dass ›ihr‹ Publikum verstand, was da so an den Wänden hängt. Davon gehen wir Kunstvermittler heute nicht mehr zwangsläufig aus, auch wenn viele unserer Besucher immer noch mit einem beeindruckenden Vorwissen ins Museum kommen. Immer öfter müssen wir vermitteln: Was ist auf den Gemälden unterschiedlichster Epochen überhaupt dargestellt? Warum ist Rot eine warme Farbe, die aber dennoch manchmal auch aggressiv wirkt? Was hat der leidende Christus auf den Passionstafeln des Mittelalters einem Jugendlichen gerade heute wieder zu sagen? Warum sieht ein barockes Gemälde anders aus als ein klassizistisches? oder warum Rembrandt kein einsames Künstlergenie war, sondern ein findiger Unternehmer mit einer erfolgreichen ›Markenstrategie‹.

Die Kunstvermittlung ist in den letzten Jahren zu einem Schlüsselressort der Museen geworden, mit immer neuen Herausforderungen. Wir schlagen Brücken zwischen historischen Bildwelten und heutigen Gesellschaftsfragen. Wir sprechen viele Menschen mit unterschiedlichsten Bildungsvoraussetzungen, Erwartungshaltungen und Interessen an. Wir versuchen auch Menschen eine Teilhabe zu verschaffen, die nicht (mehr) selbstverständlich am kulturellen Leben partizipieren können. Es ist unser Ziel, das Museum zu einem lebendigen und sozialen Ort zu machen. Mit diesem Auftrag sind wir nicht nur nah beim Publikum. Wir leisten auch einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Museen. Das macht meine Aufgabe für mich persönlich so spannend.

Steffen Egle, Leiter der Kunstvermittlung

Dr. Lilli Weissweiler, Archiv Oskar Schlemmer

Mein Name ist Lilli Weissweiler und ich arbeite seit August dieses Jahres als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Staatsgalerie Stuttgart. Nach meinen vielfältigen Tätigkeiten als Volontärin am Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) genieße ich es, mich auf ein Thema zu konzentrieren: Das Archiv Oskar Schlemmer.

SchlemmerArchiv Das Archiv erlebe ich als ein Abbild der gedanklichen Welt dieses für Stuttgart so bedeutsamen Künstlers. Zu diesem Universum gehören die Kunst, die Bühne, die Theorie, die Literatur – und der Mensch Oskar Schlemmer. Er pflegte seine Freundschaften zu Willi Baumeister oder Otto Meyer-Amden in regen Briefwechseln über Jahrzehnte hinweg. Von Tag zu Tag lerne ich diesen Menschen besser kennen. Besonders schätze ich seine lebendige Menschlichkeit, seine Agilität, die ich hinter seinen statisch anmutenden Bildern nicht erwartet hätte.SchlemmerArchiv2

Dauernd entdecke ich Neues. Besonders gefreut habe ich mich über eine ganze Reihe von Zeichnungen aus der Feder Willi Baumeisters. Darunter befinden sich Karikaturen eines Herrn „Dippel Insch“ – der Beruf des Ingenieurs hatte wohl auch um 1912 bei Künstlern keinen guten Stand. Im Moment sichten meine Kollegin und ich das Archiv. Wir inventarisieren unikale Dokumente, wie Briefe, Tagebücher und Manuskripte.

Vieles davon ist in schwungvollen Lettern und schwarzer Tinte verfasst. Für mich sind auch seine Briefe kleine Kunstwerke. So erkenne ich einen Menschen, der nicht nur in seiner Kunst ein Ästhet war. Morgen erschließe ich den nächsten Kasten des Archivs und bin gespannt auf neue Eindrücke.

Dr. Lilli Weissweiler, Projekt Archiv Oskar Schlemmer.