Nachlese – eine Zusammenfassung

Symposium

26.11.-27.11.2015

Staatsgalerie Stuttgart

Vortragssaal

 

Die wichtigsten Thesen im Überblick

 

Prof. Dr. Walter Grasskamp (Professor für Kunstgeschichte, Akademie für Bildende Künste München):

Das Kunstmuseum – Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion? Wie man Folgekosten erwirbt, die man nie wieder los wird

  • Über das Kunstmuseum wird entlang verschiedener Diskurslinien debattiert und geforscht, in der Regel aber pro domo.
  • Das Kunstmuseum ist eine paradoxe Einrichtung mit einer eingebauten Selbstüberforderung, die aber nur in Krisenzeiten diskutiert wird.
  • Die immanenten Probleme des Kunstmuseums werden vernachlässigt, z.B. dass man mit der Sammlung laufend auch Folgekosten erwirbt.
  • Das Kunstmuseum ist eine Institution des ästhetischen wie des historischen Selbstbewusstseins unserer Gesellschaft, in der sich die Balance zugunsten der Gegenwartskunst verschiebt.
  • Museumsneubauten und Sonderausstellungen erzeugen den Eindruck der Scheinblüte einer Institution, die in vielen Fällen für ihre traditionellen Aufgaben nicht mehr angemessen ausgestattet wird.

 

Prof. Dr. Christiane Lange (Direktorin Staatsgalerie):

Grenzen des Wachstums: Museum – Kunstmarkt – Politik – Gesellschaft. Eine Bestandsaufnahme 

  • Die Zahl der Museen in Deutschland ist seit 1990 um 57,6 % gestiegen
  • Neugründungen von Museen werden nachträglich durch hohe Besucherzahlen bei Sonderausstellungen legitimiert, dabei treten die Kernaufgaben des Museums „Sammeln, Bewahren, Forschen“ zunehmend in den Hintergrund
  • Gleichzeitig Flächenwachstum der Institutionen: Bsp. Staatsgalerie: Erweiterung der Ausstellungsfläche seit 1984 um das Dreifache, hohe Folgekosten von Neu- und Erweiterungsbauten werden in Kauf genommen
  • Der Kulturetat der Bundesrepublik Deutschland wurde in den letzten zwanzig Jahren kaum erhöht, das bedeutet bei einem fortwährenden Wachstum der Museen, dass eine gleichbleibende Summe, auf immer mehr Institutionen verteilt werden muss
  • Anspruch der Politik und der Gesellschaft nach Superlativen verdrängt die übrigen Aufgaben, Museen müssen auch Lehranstalten, Forschungseinrichtungen und Ruheorte sein dürfen

 

Theresia Bauer (MdL, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg):

Alle Welt ins Museum!

  • Ziel ist das „qualitative Wachstum“ von Museen
  • Im Gegensatz zur Quantität gibt es bei der Qualität keine Grenzen des Wachstums, es gibt keine Wissensgrenzen
  • Museen sind öffentliche Orte, Orte einer neuen Perspektivgewinnung, Orte der Verständigung in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft
  • Ein Zuwachs an vielfältigen Museen ist begrüßenswert, Privatmuseen sind eine Bereicherung für die Kulturlandschaft
  • Eine schärfere Profilbildung kann die Zukunft der Museen retten

 

Nikolaus Bernau (Freier Autor und Architekturkritiker):

Das große Aussortieren. Architektonische Reaktionen auf die Museumsmüdigkeit 

  • Kurze Einführung in die Architekturgeschichte des Museumsdepots
  • Vorwurf: unzugängliche Depotbauten entziehen dem Publikum Material
  • Schaudepots bzw. Depotmuseen des angelsächsischen Raums sind demokratische Orte aufgrund der Präsentation aller Objekte und der fehlenden Beschränkung auf subjektive Highlights
  • Digitalisierung bietet die Chance alle Objekte zur Schau zu stellen, jedoch fehlt dabei die Kontrolle des Besuchers, die Begegnung mit dem Original und die Frage, wie die Informationen verwertet werden

 

Hans-Ewald Schneider (Fa. Hasenkamp Holding GmbH):

Warum investiert ein international erfolgreiches Logistik-Unternehmen in den Bau von Kunst-Depots?

  • Tägliche Herausforderung aller Museen, die weiter sammeln und dadurch stetig wachsen, wo und wie lagert man die Objekte
  • Wichtige Aspekte bei der Lagerung müssen berücksichtigt werden: Konservatorische, ökonomische und ökologische (Bsp. CO2-freies Bauen)
  • Zum Ziel gehört Senkung der operativen Kosten: z.B. stabile Klimaverhältnisse ohne weitere Energiezufuhr

 

Dr. Bernhard Maaz (Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen):

Der Kunsthistoriker als Bauherr – Sammeln ohne Geld. Was Universitäten nicht lehren und weshalb das Museum eine Ausbildungseinrichtung bleiben muss 

  • Die Präsentation der ständigen Sammlung ist die oberste und vornehmste Aufgabe des Museums, dabei ergibt sich eine Diskrepanz zum Besucher, der primär die Sonderausstellung wahrnimmt, weshalb die museumspädagogischen Aufgaben neu definiert werden müssen
  • Postulierter Auftrag an die Museen: Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung
  • Ausbildung von Museumsfachleuten: Kennerschaft ist heute kaum mehr Teil der kunsthistorischen Ausbildung, wichtig sind Kompetenzen in wirtschaftlichen und juristischen Bereichen, die den Museumsalltag prägen – diese können bislang erst an den Museen vermittelt werden, nicht an den Universitäten

 

Inka Drögemüller (International Relations / Externe Partner, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Städel Museum & Liebieghaus Skulpturensammlung):

Vom Aufbruch des Museums in die digitale Welt: Chancen und Perspektiven der digitalen Erweiterung 

  • Homepage des Städel Museums zählte über 1 Mio. digitale Besucher in 2015, was die Zahl der tatsächlichen Museumsbesucher um fast das Doppelte übersteigt
  • Digitalisierung bietet ein alternatives Angebot, aber auch die Möglichkeit der Vertiefung von Inhalten
  • Digitalisierung der Sammlung ist essentiell für die Kernaufgaben des Museums: die Erforschung, Vermittlung und Bewahrung von Kunstwerken
  • Digitalisierung bildet keine Konkurrenz zum tatsächlichen Museumsbesuch, der das oberste Ziel bleiben muss

 

Prof. Dr. Barbara Welzel (Professorin für Kunstgeschichte, TU Dortmund):

Über die Werte der Kunst für die Öffentlichkeit

  • TU Dortmund bietet zusammen mit nordrhein-westfälischen Kunstmuseen die Möglichkeit der kunsthistorischen Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern im Museum
  • Lehre von Inhalten, aber auch Vermittlungsstrategien
  • Kooperationspartner sind Schulen: Wissensdurst von Kindern und Jugendlichen muss im Museum geweckt und gestillt werden, Forderung an die Kultusministerien der Länder: Museumsbesuche müssen in den Lehrplänen verankert werden!
  • Anforderung an die Museen: zentrale Fragen der Gesellschaft müssen im Museum diskutiert werden; Demokratie lässt sich an der Freiheit der Museen, an der Freiheit der Kunst lernen

 

Dr. Wolfgang Ullrich (Freier Autor, Kulturwissenschaftler und Berater):

Das Kunstmuseum der Zukunft – eine Kreativitätsagentur?

  • Kreativität als Leitsatz unserer Gesellschaft, postuliertes Ideal einer Generation
  • Kreativitätsboom überträgt sich nun auf die Funktion des Museums: Menschen fordern auch die eigene kreative Teilnahme
  • Aufgaben des Museums befinden sich im Wandel: keine sakralen Kultstätten mehr, sondern Inspiration für die eigene Kreativität
  • durch den Rollenwandel des Besuchers steigt die Bedeutung der Kunstvermittlung
  • Lösung für den enormen Druck, der auf den Museen lastet: nicht alle Museen sollten alle Anforderungen erfüllen, die Profilbildung als Chance für den Erfolg von Museen